Freiheit, Rausch und schwarze Katzen

Am 15. Februar 2024 ist im Verlag C.H. Beck das Buch «Freiheit, Rausch und schwarze Katzen. Eine Geschichte der Boheme» erschienen. [Link]

PARIS UND WIEN, MÜNCHEN UND BERLIN – DAS WILDE LEBEN DER BOHEME

Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Edvard Munch, Oda Krogh, Henri Murger, Franziska zu Reventlow, August Strindberg, Frank Wedekind – sie alle gehörten der Boheme an, jener künstlerischen Subkultur, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Wien und Paris, in Berlin und München entwickelte und durch ihren freizügigen Lebensstil, ihren rebellischen Geist und nicht zuletzt ihre prekären finanziellen Verhältnisse in Opposition zur gutbürgerlichen Gesellschaft geriet.

Dieses Buch erzählt ihre Geschichte.

Die Boheme revolutionierte die Ansichten darüber, was ein gutes Leben ausmacht. Und dies weniger in Texten und Manifesten als vielmehr im tätigen Leben mit all seinen Ambivalenzen. Andreas Schwab porträtiert nicht nur die Literaten und Künstlerinnen, die Männer und Frauen der Boheme, von denen diese Lebensstilrevolution ausging, er vergegenwärtigt auch die Orte, an denen sie sich trafen, wie die Kneipe „Das schwarze Ferkel“ in Berlin, das „Chat Noir“ im Pariser Montmartre, das „Café Stefanie“ oder das Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ in München. So entsteht eine atmosphärisch dichte Beschreibung des Lebens der Boheme, die die von ihr ausgehende Faszination spürbar werden lässt. Bis heute wirken Dekadenz, Libertinage und Lotterleben nicht nur um einiges attraktiver als eine graue „Fortschrittstheorie“, in der Boheme wurden auch die Selbsttechniken entwickelt und gelebt, welche zur gesellschaftlichen Liberalisierung, zur Akzeptanz verschiedenster Lebensmodelle bis hin zu den Rechten von Minderheiten führten.

Foto: Annatina Blaser

Besprechungen

  • Roman Kaiser-Mühlecker, SWR2 lesenswert [Link]
    «Schwabs originelle Leistung besteht einerseits darin, dass er die Bohème von den sie umgebenden Mythen und Legenden befreit und auch ihre ambivalenten und dunklen Seiten beleuchtet: Ihr Desinteresse an konkreter politischer Gestaltung etwa, ihr hoffnungsvolles Warten auf einen „großen Knall“, ihre Arroganz gegenüber der Arbeiterbewegung, um nur einige Beispiele zu nennen.
    Andererseits – die zweite originelle Leistung – rückt Schwab Frauen ins Zentrum seiner Darstellung, die bisher allzu oft lediglich als „Musen“ beschrieben worden sind. Zu nennen sind hier etwa die höchst erfolgreiche Varieté-Sängerin Yvette Guilbert, die avantgardistische Kinderbuchautorin Ida Dehmel, die Malerin Oda Krohg oder die streitbare Publizistin Laura Marholm.»
  • Andrea Gerk, Deutschlandfunkt Kultur, 6.3.2024 [Link]
    «Dem Autor gelingt es so seinen Gegenstand auf unterhaltsame, erzählerische Weise zu vergegenwärtigen, ohne sich dabei, wie es inzwischen üblich ist, in die historischen Figuren hinein zu fantasieren und so zu tun, als wäre er selbst dabei gewesen.»
  • Martin Widmer, NZZ am Sonntag,
  • Linda Pfanner, «Ich bin für wilde Kunst und langweilige Politik», Anzeiger Region Bern, 20. März 2024 [Link]
    «Schwabs Buch wurde von seiner Wertehaltung beeinflusst. Die Lebensart der Bohème hatte aber auch einen Einfluss auf seine Politik. Denn nur eine freiheitliche Gesellschaft lasse eine Bohème zu. Daher sollte man laut Schwab kritisch gegenüber Autoritäten sein und das System, welches wir im Westen haben, erhalten. «Deshalb bin ich kein Pazifist im engeren Sinn», sagt Schwab. 
    Eine Gesellschaft solle Kunstschaffende hochschätzen und als Beispiel nehmen, sagt er. Schwab versucht sich politisch so zu verhalten. Umgekehrt findet er aber auch, dass Künstlerinnen und Künstler nicht die besseren Politiker wären. Er sei für «wilde Künstlerinnen und Künstler und langweilige Politik», die als Dienstleistung gesehen werden sollte, sagt Schwab. 
    Langweilig heisse nicht, dass nichts verändert werde, sondern dass Politik verlässlich sein und im besten Fall Probleme lösen sollte. «Kultur ist ein gutes Korrektiv für die Politik», sagt Schwab, denn sie agiere als Spiegel der Gesellschaft. Eine freiheitliche Gesellschaft unterstütze ihre Kulturschaffenden und lasse unterschiedliche Meinungen zu.»
  • Alexander Sury, Er ist für wilde Kunst und langweilige Politik, Der Bund, 27.3.2024 [Link]
    «In seiner Sprechstunde wird der Gemeindepräsident grundsätzlich und bekennt, dass er für wilde Kunst und langweilige Politik einstehe. «Es ist besser, wenn Kunst ungezähmt ist. Politik dagegen sollte eine gewisse Verlässlichkeit haben.» Schwab bezeichnet sich als pragmatisch: «Ich habe ein sozialdemokratisches Menschenbild und bin kein Ideologe.»

Zeit der Aussteiger


Von den 1830er Jahren an bis weit ins 20. Jahrhundert hinein machen
sich Menschen in ganz Europa auf, um Lebens- und Arbeitsgemeinschaften
fernab der großen Städte in naturnaher, schöner, zuweilen auch wilder
Umgebung zu gründen. Das Leben in den Künstlerkolonien, von Barbizon,
der Mutter aller Künstlerkolonien, über Capri und Worpswede bis Ascona,
ist von bewusster Abgrenzung zur bürgerlichen Gesellschaft bestimmt. Die
Aussteiger suchen eine Gegenwelt zur Dichte und zum Konkurrenzdruck in
den Städten, zum übersteigerten Nationalismus und dem allgegenwärtigen
Krisengefühl. Ohne große soziale Kontrolle entwickeln sich neue
Lebensstile, die sich erst deutlich später in der gesamten Gesellschaft
durchzusetzen beginnen, manche von ihnen erst im 21. Jahrhundert. Dazu
gehören die Frauenemanzipation und das Spiel mit verschiedenen
Geschlechterrollen ebenso wie das offene Ausleben einer freieren Sexualität.

Mit der Zeit entsteht ein Netzwerk von Subkulturen, das von Skagen an
der Nordspitze Jütlands bis nach Tanger an der marokkanischen Küste, von
der Finistère, der äußersten Spitze der Bretagne, bis nach Korfu reicht.
Nicht selten kommt es sogar vor, dass Künstlerinnen und Künstler von
einem Aussteigerort zum andern pendeln. Darunter sind regelrechte Stars,
aber auch nur Eingeweihten bekannte Malerinnen wie Helene Schjerfbeck
oder zu Unrecht vergessene Schriftstellerinnen wie Maria Lazar. Der
Schweizer Autor und Ausstellungsmacher Andreas Schwab hat sie zu einem
Reigen arrangiert: Elf Personen, darunter Alma Mahler-Werfel, Arthur
Schnitzler und Truman Capote, führen uns in zehn verschiedene
Künstlerkolonien. Nach einer Zeit des Aufenthalts, in der wir in die
besondere Atmosphäre von Pont-Aven, Altaussee oder Taormina eintauchen,
machen wir uns mit einer dort lebenden Person in die nächste Kolonie
auf – bis wir am Ende des Reigens auf dem Monte Verità angelangen, wo
uns der «wilde Denker» Harald Szeemann in Empfang nimmt.

Die Leseprobe ist hier erhältlich [Schwab_Leseprobe_Zeit der Aussteiger].

Rezensionen

NZZ, 23.8.2021, Clemens Klünemann: «Die Schilderungen der jeweiligen Aufenthalte fügen sich quasi nebenbei zu einer Kulturgeschichte der intellektuellen Beziehungen. Sie sind angereichert mit vielen historischen Aperçus über den «gemeinsamen Kulturraum Europa» mitten in der Hochzeit des Nationalismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – und auch voll von Anekdotischem,das die hehrenAnsprüche der Aussteiger bisweilen relativiert. […]
Andreas Schwabs Buch ist eine nachdenkliche Kritik derjenigen Form
der Welterkundung, die anders sein will als das bereits von Fontane verabscheute «Massenreisen». Es führt dabei zu wunderschönen Orten, an denen auch heute noch der Genius Loci des «ganz Anderen» zu spüren ist: Taormina in Sizilien zum Beispiel oder Capri, das den Aussteigern des späten 19. Jahrhunderts wie der Vorhof des Paradieses erschien. Zugleich zeigt uns Schwab diese Aussteiger als Menschen, «die eine Gegenwelt zum Konkurrenzdruck in den Städten suchen,zum übersteigerten Nationalismus und zum allgegenwärtigen Krisengefühl, das sie seismografisch aufnehmen».
Vor allem aber macht er seine Leserinnen und Leser mit Menschen bekannt,die ganz bewusst Lebensstile ausprobierten, die sich erst sehr viel später in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen begannen. In Schwabs Deutungen erweisen sich die Künstlerkolonien von Barbizon bis zum Monte Verità gleichsam als Laboratorien der Moderne – mit all ihren Fortschritten und mit allen Enttäuschungen.»

Tagesanzeiger, Der Bund, 19.8.2021, Alexander Sury: «Sein Buch «Zeit der Aussteiger» ist eine anregende Geschichte der Gegenentwürfe zur bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft. Als gewiefter literarischer Flaneur inspiziert der Autor anekdotenreich zehn Künstlerkolonien, u. a. Barbizon, Pont-Aven, Tanger, Worpswede und Monte Verità.»

SRF Sachbuchtrio: https://www.srf.ch/audio/kontext/orte-fuer-gegenentwuerfe?partId=12032022

Die literarische Welt, Marianna Lieder: «Nun war es keineswegs immer so, dass die Nähe zur romantisch verklärten Natur und die Freiheit von bürgerlichen Konventionen immer einen Schaffensrausch auslöste. Robert Louis Stevenson, der später als Verfasser der «Schatzinsel» berühmt werden sollte, lästerte anlässlich eines Besuchs in Barbizon über die «Snoozers», also die zum Nickerchen neigenden Maler des Ortes. Ausgedehnte Latenzphasen wurden später auch bei den Bewohnern des Monte Verità beobachtet, die sich ohnehin mehr um Gymnastik, Spezialdiäten und ihre Affären kümmerten als um ihre Bilder oder Romane. Für Schwab äußerte sich darin eine programmatische Bohemegesinnung, die später von den 68ern wiederbelebt wurde. Demnach sind nicht mehr die Werke der Grund für die Daseinsberechtigung des Künstlers, sondern das richtige, das demonstrativ «authentisch» und unkonventionell gelebte Leben. Ein Künstler, der etwas auf sich hielt, hatte eben auch Künstlerdarsteller zu sein. […] Schwab erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das exzentrische Personal seines Buches durch Psychologisierungen und sonstige erzählerische Pirouetten dem Gegenwartsleser künstlich nahezubringen. «
https://www.welt.de/kultur/plus232736889/Andreas-Schwab-ueber-die-Zeit-der-Aussteiger-Musen-und-Morphinisten.html

Yvonne Bölt, Gian Pietro Milani, Ferienjournal Ascona, November 2021 – Februar 2022 [PDF]

Interviews

Deutschlandfunk: [Link]

Der Wecker, 21. September 2021 [PDF]

taz Talk mit Jan Feddersen, 22. Oktober 2021 [Link]

SWR2, 25. Oktober 2021 [Link]

Interview mit Andreas Schwab, Mai 2021

Was musste ein Ort haben, um in Ihr Buch aufgenommen zu werden?
Es mussten sich im Zeitraum von 1850 bis 1950 möglichst zahlreiche unterschiedliche Aussteiger dauerhaft dort niedergelassen und sich mit dem Ort auch künstlerisch beschäftigt haben. Um meinem europäischen Anspruch gerecht zu werden, habe ich auch auf eine ausgewogene geograšsche Verteilung geachtet. Es sollte schließlich eine echte Reise werden! Ich denke, dass ich mit den ausgewählten zehn Künstlerkolonien in acht Ländern diesem Anspruch gerecht geworden bin.

Sie haben für Ihr Buch eine besondere Dramaturgie gewählt.
An der Dramaturgie habe ich lange gearbeitet, es war eine echte Knobelei, bis es aufging. Ich wollte deutlich machen, dass es im besagten Zeitraum ein reales Netzwerk von hochmobilen Künstlerinnen und Künstlern gab, die sich an den einschlägigen Orten trafen. Darum
habe ich die Form des Reigens entwickelt: Wie beim olympischen Feuer trägt immer eine Person die Fackel des Künstlerischen an einen neuen Ort, den ich daraufhin beschreibe. Mit einer weiteren Person geht es dann zum nächsten Ort, bis uns am Schluss Harald Szeemann auf dem Monte Verità in Empfang nimmt.

Was waren das für Menschen, die diese Sehnsuchtsorte aufgesucht haben?
Die Schriftstellerinnen, Maler und Bohèmiens, die ich beschreibe, 6 «Ein reales Netzwerk von hochmobilen Künstlerinnen und Künstlern» haben in sehr vielen Fällen ein ausgesprochen unbürgerliches Leben abseits der damaligen Konventionen geführt. In den Künstlerkolonien
tummelten sich emanzipierte Schriftstellerinnen, gesellschaftliche Außenseiter und Lebenskünstler ebenso wie zahlreiche lesbische und schwule Paare. Viele von ihnen kämpften für ein selbstbestimmtes Leben, das sie für die Öªentlichkeit auch gerne auf Fotos und Gemälden inszenierten.

Worin liegt für Sie die aktuelle Bedeutung des Themas Künstlerkolonien?
Angesichts beunruhigender autoritärer Tendenzen in vielen Ländern scheint es mir ein nicht zu unterschätzendes politisches Zeichen, an die freiheitsliebenden Aussteiger in den Künstlerkolonien zu erinnern. Wichtige gesellschaftliche Entwicklungen wie die Frauenemanzipation oder die rechtliche Gleichstellung Homosexueller und queerer Menschen sind in ihrem Schutzraum zumindest zum Teil ermöglicht und befördert worden. Für mich gehört das ganz essentiell zum europäischen Kulturerbe. Gleichzeitig war es mir aber auch wichtig, problematische Tendenzen in Künstlerkolonien zu benennen, beispielsweise die immer wieder spürbare Herablassung der zugezogenen Künstlerinnen und Künstler den Einheimischen gegenüber.

Und heute? Wohin zieht es Aussteiger heute? Oder gibt es diesen Typus
gar nicht mehr?
Eine schwierige Frage. Ich denke, dass sich mit der Globalisierung und dem weltumspannenden Internet die Voraussetzungen im Vergleich zu dem von mir beschriebenen Zeitraum verändert haben. Die Orte selbst haben möglicherweise an Bedeutung verloren, jedenfalls scheinen sie nicht mehr so klar identišzierbar. Vielleicht sind es heute eher Festivals wie «Burning Man», an denen Vergleichbares passiert. Ein Punkt aber ist oªensichtlich: Viele Posen von selbstdarstellenden Menschen auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Facebook sind vergleichbar mit denen der Aussteiger vor über hundert Jahren!

Projekte

Anderberg (2017)

Im Mai 2017 ist der Roman Anderberg im Offizin Verlag erschienen, heute erhältlich über den Verlag X-Time.

288 Seiten | gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-906276-58-8

Stimmen

«Und doch ist «Anderberg» kein schwermütiger, moralinsaurer Roman geworden, sondern vielmehr eine luftiges Konstrukt, welches unaufgeregt und fast schon ironisch menschliche Hybris dekonstruiert.»
Gisela Feuz, Luxus spendet keinen Trost, in: Der Bund, 5.7.2017 [PDF]

««Anderberg» dreht sich rund um die Projektierung, die Finanzierung und die Realisierung des Hotels Panta Rhei und liest sich wie ein Krimi.»
Stef Stauffer, Hoch pokern und tief fallen, in: Berner Zeitung, 24.5.2017

«Fast alle Figuren des Romans «Anderberg» machen sich auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück. Die Wege, die sie dafür beschreiten, sind sehr unterschiedlich. Manche finden Glück in der Familie, manche im Geld und Ansehen, andere in der Selbstverwirklichung, in der Kunst oder in der Religion – und manche jagen dem Glück trotz – oder gerade wegen? – aller Bemühungen erfolglos hinterher. Darüber können die Leserinnen und Leser nachdenken, sie müssen es aber nicht. Sie können sich auch einfach gut unterhalten mit «Anderberg».»
Jutta Vering, Das Leben ist anders in Anderberg, in: Der Wecker, April 2017 [PDF]

Chor der Jahre (2019)

Vernissage und Performance: 9. Mai 2019, 19.00 Uhr, mit Miriam Jenni, Peter Künzler und Maja Stalder (Horn)
Ausstellung: 1. Mai bis 21. Mai 2019
Digitales Objekt / DOI: 10.17436/etk.c.047 Download: http://dx.doi.org/10.17436/etk.c.047   wo: etkbooks store Monbijoustr. 69 3007 Bern  http://www.etkbooks.com/store/

Seit 1996 – mit mehreren Vorläufern – führe ich regelmässig Tagebuch, bis 1999 von Hand in 8 dicken Heften, ab Januar 2000, als ich für ein paar Monate in München lebte, direkt am  Computer. Normalerweise, ausser in den Ferien, in denen ich mich von der Tagebuchpflicht entbinde, entstehen rund 3 bis 6 Einträge pro Woche. In 23 Jahren ist das Tagebuch auf 1572 eng bedruckte Seiten mit rund 5.5 Millionen Zeichen angewachsen.

Typischerweise für ein Tagebuch wechseln persönliche Befindlichkeiten, mit privaten und beruflichen Erfahrungen, mit Betrachtungen über die nähere und die weitere Umgebung, mit (gesellschafts-)politischen Einschätzungen, mit Lektüreerlebnissen usw. Das Tagebuch widerspiegelt Höhen und Tiefen, persönliche Brüche und dramatische Ereignisse, Tragisches und Banales, Privates und Berufliches eines freischaffenden Ausstellungsmachers und Autors, eines Milizpolitikers, Ehemanns und Vaters mit allen wichtigen äusseren Lebensstationen.

Ausser bei der Korrektur von Orthografiefehlern habe ich das Tagebuch nachträglich nicht mehr verändert, höchstens minimal redigiert. Es ist also ein Ausdruck der zum jeweiligen Zeitpunkt aktuellen Befindlichkeit – was selbst für den Verfasser im Abstand von ein paar Jahren Überraschungen bereithalten kann.

Das Tagebuch ist wohl die privateste Schreibform überhaupt, und das soll in diesem Projekt auch beibehalten werden. Nur 11 kurze Ausschnitte von je ca. 250 Zeichen werden pro Jahr ausgewählt, insgesamt etwa 2‘800 Zeichen. Folglich wird nur 1% des Tagebuchs öffentlich gemacht. Die Auswahl habe ich in Eigenverantwortung getroffen. Die restlichen 99% des gesamten Textes bleiben privat, ebenso die Kriterien der Auswahl.

«Chor der Jahre» ist getragen von dem Gedanken, dass ein Leben ohnehin nie vollständig dargestellt werden kann. Jede Autobiografie ist eine nachträgliche Konstruktion, so auch dieser Versuch, selbst wenn die einzelnen Einträge wirklich genau an dem vermerkten Tag entstanden sind. Denn anders als beim monumentalen Erinnerungswerk «Min kamp» von Karl-Ove Knausgård sind die einzelnen Ausschnitte authentisch und nicht aus der Erinnerung nacherzählt. .

Der Ausstellungstitel «Chor der Jahre» spielt darauf an, dass ein Leben in gewissem Sinne mit einen Chor- oder Orchesterwerk vergleichbar ist. Auch ein Leben kann stimmig oder dissonant sein, es gibt wiederkehrende Motive, Begleitrhythmen, Ober- und Untertöne – der Assoziationen gibt es viele, zudem soll die räumliche Inszenierung an einen Blick in den Orchestergraben erinnern.

Die Idee zur Realisierung einer Ausstellung ist mir von Ulrich Suter zugetragen worden. «Im Zug von Lüneburg nach Hannover», entnehme ich meinem Tagebucheintrag vom 7. Juli 2018, fragte er mich, ob mir für eine Ausstellung auf 26 Notenständern etwas einfalle. Nach dem Verwerfen zahlreicher anderer Ideen entschloss ich mich, das Wagnis einzugehen und mich diesem privaten Thema zuzuwenden. Nicht einmal ein Jahr später konnte ich, auch dank der Mithilfe des Grafikers und Szenografen Luca Hostettler, die Ausstellung realisieren. Zusätzlich erscheint eine digitale Edition der 26 Ausstellungshefte im Verlag Edition Taberna Kritika, wofür ich mich bei Hartmut Abendschein bedanke.

Andreas Schwab, im April 2019

Fragebogen

Diesen Fragebogen füllte Marcel Proust in seinem Leben gleich zwei Mal aus. Ich habe ihn etwas an die heutige Zeit angepasst und erweitert:

Wo möchtest Du leben?
Ich lebe gerne in Bremgarten. Aber häufig würde ich gerne woanders leben, am Meer zum Beispiel oder in einer grösseren Stadt wie Berlin.

Welche Fehler entschuldigst Du am ehesten?
Diejenigen, die aus gutem Willen gemacht wurden.

Deine liebsten Romanhelden?
Jakob der Lügner.* Aber generell bin ich Helden gegenüber jedoch skeptisch eingestellt. Und wo bleiben die Heldinnen?

Deine Lieblingsheldinnen / -helden in der Wirklichkeit?
Alle, die sich gegen Ungerechtigkeiten mit Worten und Taten zur Wehr setzen.

Deine Lieblingskünstler?
John Lavery, Fischli/Weiss mit «Der Lauf der Dinge»

Deine Lieblingskünstlerinnen?
Marianne Stokes, Valie Export

Deine Lieblingssängerinnen?
Zaz mit «Je veux», Camille mit «Ta douleur» Pamela Méndez mit «Stinky Feet»

Deine Lieblingsautoren aus der Schweiz?
Robert Walser, Max Frisch, Peter Bichsel

Deine Lieblingsautorinnen aus Österreich?
Maria Lazar, Friederike Mayröcker, Monika Helfer

Deine Lieblingsautorinnen?
Joan Didion, Susan Sontag, Ulrike Edschmid.

Deine Lieblingsdichter?
Erich Kästner, Robert Gernhardt, Erich Fried.

Drei bevorzugte Dialektlieder?
Mani Matter «Dene wos guet geit», Chlöisu Friedli «Tscharniblues», Züri West  «Fingt ds Glück eim?»

Welche Eigenschaften schätzt Du bei einer Frau am meisten?
Klugheit, Begeisterungsfähigkeit und Humor.

Welche Eigenschaften schätzt Du bei einem Mann am meisten?
Humor, Klugheit und Begeisterungsfähigkeit.

Deine Lieblingstugend?
Nicht aufzugeben.

Deine Lieblingsbeschäftigung?
Zeitung lesen, Velofahren.

Wer oder was hättest Du gerne sein mögen?
Ich bin ganz zufrieden in meiner Haut.

Drei Bücher, die mich faszinieren
Joan Didion «Das Jahr des magischen Denkens», Uwe Timm «Der Freund und der Fremde», Ulrike Edschmid «Das Verschwinden des Philip S.»

Drei hervorragende historische Werke
Volker Weidermann «Ostende. Sommer der Freundschaft», Peter Kamber «Geschichte zweier Leben. Wladimir Rosenbaum, Aline Valangin», Harald Jähner «Wolfszeit»

Was schätzt Du bei Freund/innen am meisten?
Dass sie meine Freund/innen sind und sich mal melden.

Dein grösster Fehler?
Ich reagiere manchmal zu schnell.

Was ist für Dich das vollkommene irdische Glück?
Gibt es das? Schöne Momente, etwa auf Berggipfeln, können dem vollkommenen Glück zumindest nahe kommen.

Dein Traum vom Glück?
Beständige Freundschaften.

Was ist für Dich das grösste Unglück?
Der Tod von Liebsten.

Deine Lieblingsfarbe?
Rot und Blau, die Farben des Tessins.

Deine Lieblingsblume?
Die Blümlein am Wegrand.

Dein Lieblingstier?
Ich mag Kühe auf Weiden.

Was verabscheust Du am meisten?
Gewalt.

Welche geschichtlichen Gestalten verachtest Du am meisten?
Leider ist da die Auswahl sehr gross. Alle, die Hass und Ausgrenzung schüren.

Welche militärischen Taten bewunderst Du am meisten?
Da bin ich in meiner Bewunderung generell zurückhaltend. Aber die Befreiung von Europa durch die Alliierten ab 1943 gehört dazu.

Welche Reform bewunderst Du am meisten?
Die Demokratie, die Gewaltenteilung.

Welche natürliche Gabe möchtest Du besitzen?
Musikalisch zu sein.

Wie möchtest Du gerne sterben?
Mit mir selbst im Reinen.

Deine gegenwärtige Geistesverfassung?
Hellwach.

Schenke uns eine Lebensweisheit
Ein 68er-Graffiti: Seid Realisten, verlangt das Unmögliche.

Tee oder Kaffee?
Am Morgen: Kaffee!

  * Als Politiker einen Lügner zum Vorbild zu nehmen, ist eine heikle Sache. Wer aber den Roman von Jurek Becker kennt, weiss, dass der Protagonist Jakob Heym die imaginären Radionachrichten aus dem zutiefst humanitären Beweggrund erzählt, die anderen vor der Verzweiflung zu bewahren.

Biografie

Andreas Schwab (*17. Juli 1971 in Bern) ist Historiker und
Ausstellungsmacher.
Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen zu den Themen Alternativbewegungen, Körpergeschichte und Literatur.
2012-2019 war Gemeinderat Ressort Bildung von Bremgarten bei Bern, seit 2020 Gemeindepräsident.

Siehe ebenso unter Palma3 und 3047.ch